s kommunaldialog zukunftssicher 2019 interview andreas hemsing

Nicht nur ein Bauchgefühl: komba Studie bestätigt Zunahme gewalttätiger Übergriffe

Was Kommunen in punkto Sicherheit tun können – dazu ein Gespräch mit Andreas Hemsing, Landesvorsitzender der komba gewerkschaft nrw und stellvertretender Bundesvorsitzender der komba gewerkschaft.

i2fm: Herr Hemsing, Sie haben die Interessen vieler Mitarbeiter in den Kommunen im Blick. Wie geht es Ihren Mitgliedern?
Andreas Hemsing: In der kommunalen Welt ist vieles im Umbruch. Mit dem demografischen Wandel, dem Fachkräftemangel und der Digitalisierung stehen alle Beteiligten vor großen Herausforderungen. Auch das Thema Gewalt gegen Beschäftigte gehört bedauerlicherweise dazu. Die Auswirkungen von all dem spüren in erster Linie natürlich die Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Es kommt zu Personalausfällen, weil die Beschäftigten einfach nicht mehr können. Zu wenig Personal bei gleichbleibenden oder gestiegenen Aufgaben macht auf Dauer krank. Bei Ausfällen müssen die Aufgaben von allen Übrigen kompensiert werden. Diese Kolleginnen und Kollegen haben aber zugleich ihr eigenes Aufgabenbündel zu bearbeiten. Das sind Szenen, die sich so oder ähnlich in zahlreichen Kommunen zeigen und von denen unsere Mitglieder berichten.
Blicken wir gezielt auf die Gewalt gegen Beschäftigte. Wenn ich beispielsweise an die Beschäftigten im Ordnungsdienst, die Feuerwehr- und Rettungskräfte oder all jene mit Publikums- und Kundenverkehr denke, dann höre ich zunehmend Berichte über mangelnden Respekt sowie verbale und körperliche Übergriffe. Das darf nicht sein, da müssen wir Schutz und Unterstützungsmöglichkeiten bieten.
i2fm: Sie haben nun eine Studie vorgelegt, welche die Zunahme gewalttätiger Übergriffe auf Mitarbeiter in Kommunen untersucht. Was hat sich darin gezeigt?
Andreas Hemsing: Wir nehmen das Thema als komba gewerkschaft seit einigen Jahren kontinuierlich in den Blick. Bislang fehlten allerdings konkretere Erkenntnisse zu sicherheitsrelevanten Rahmenbedingungen in den Kommunen. Unsere aktuelle Studie betrachtet alle Formen von verbaler und tätlicher Gewalt. Konkreter gesprochen reicht die Untersuchungs-Bandbreite von Beleidigungen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Gezeigt hat sich definitiv, dass Gewalt gegen Beschäftigte nicht nur ein Bauchgefühl ist. Gravierende Übergriffe sind zwar – und das zum Glück – noch seltene Ausnahmen, aber Beleidigungen und Respektlosigkeiten sind inzwischen schon fast Alltag in den Kommunen. Das zieht natürlich nicht spurlos an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorbei. Für uns ist klar, da müssen wir was tun, denn jeder Fall von Gewalt ist definitiv einer zu viel.
i2fm: Wann hat das in etwa angefangen?
Andreas Hemsing: Schwer zu sagen. Ein solches Verhalten ist vom Grundsatz her unerklärlich. Die Hemmschwellen im Umgang miteinander scheinen in den vergangenen Jahren immer weiter zu sinken, eine allgemeine Verrohung, auch und gerade in der Sprache, wird deutlich. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Art, wie in sozialen Netzwerken miteinander kommuniziert wird. Da ist ein Werteverlust zu beobachten.
i2fm: Wie haben Sie in Ihrer Studie gewalttätige Übergriffe eingeordnet?
Andreas Hemsing: Zum einen sind das verbale, zum anderen körperliche Übergriffe. Dazwischen gibt es noch Abstufungen. Zum Beispiel, wenn ein Übergriff non-verbal und körperlich auftritt. Die Wissenschaftler fassen mit dieser Mittelkategorie Fälle zusammen, wo vielleicht mit einem Gegenstand um sich geworfen wird, aber die Betroffenen körperlich nicht direkt attackiert wurden. Welche Form auch immer, jeder Angriff ist aufs Schärfste zu verurteilen.
Aber wir haben nicht nur die Arten von Gewalt, sondern auch die Auslöser dafür betrachtet. Die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, die bereits im Jahr 2014 eine Vorgängerstudie für uns durchgeführt hat, war auch dieses Mal mit im Boot. Gefördert wurde die Erhebung durch das nordrhein-westfälische Kommunalministerium. Was die Auslöser angeht, gibt es, wie so oft, nicht den einen. Aus Kundenperspektive ist es zum Beispiel der Mangel an transparenten Strukturen und Arbeitsabläufen, sodass Entscheidungsprozesse nicht nachvollzogen werden. Das kann Verärgerungen auslösen. Hinzu kommen Wartezeiten oder wenig freundlich gestaltete Kundenbereiche. Summieren sich diese und andere Faktoren, dann, so hat die Untersuchung gezeigt, ist das eine mögliche Triebfeder für Übergriffe.
Wie gesagt, es gibt viele Ursachen und Auslöser. Jede Kommune ist da gefragt zu evaluieren, wo bei ihr das Gefahrenpotenzial besteht. Dieses lässt sich mit entsprechenden Maßnahmen reduzieren, um ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen.
Letztlich handelt es sich bei diesem Thema um eine Querschnittsaufgabe. Arbeitgeber und Dienstherren, Bürgerinnen und Bürger, Verbände und Politik müssen an einem Strang ziehen und zeigen, dass wir diese Verrohung nicht stillschweigend tolerieren, sondern uns dagegen stellen, wo wir nur können.
i2fm: Was empfehlen Sie Kommunen, damit sie ihren Mitarbeitern ein Arbeitsumfeld zur Verfügung stellen, das so sicher wie möglich ist?
Andreas Hemsing: Zum einen ist es wichtig, dass man sehr viel kommuniziert. Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden muss so transparent und nachvollziehbar wie möglich gestaltet werden. Kommuniziert werden muss aber auch zwischen Beschäftigten und Vorgesetzten. Da braucht es ein vertrauensvolles und wertschätzendes Miteinander, das es zulässt, nach solchen Vorfällen den Vorgesetzten über Gewaltvorkommnisse zu unterrichten und Unterstützung zu erhalten. Dazu gehört, dass jeder gewalttätige Vorfall zur Anzeige gebracht wird.
Außerdem sollten alle Vorkommnisse dokumentiert werden. Mit einer Dokumentation aller auftretenden Fälle lässt sich ein vernünftiges Deeskalierungsprogramm festlegen mit notwendigen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Entscheidend ist auch, dass die Rahmenbedingungen in der Behörde stimmen. Man sollte keine Räumlichkeiten vorhalten, die Aggressivität begünstigen, sondern eine offene und freundliche Atmosphäre schaffen, die deeskalierend wirkt. Dazu zählen beispielsweise Wartezonen mit einer hohen Aufenthaltsqualität.
Weitergehend müssen natürlich Schutzmaßnahmen eingerichtet werden wie wiederkehrende Alarm- und Notfallübungen. Feueralarmübungen finden regelmäßig statt, aber bei Gewalt gibt es noch zu wenig geschulte Abläufe. Die Kolleginnen und Kollegen bestätigen das. Ein Warnknopf am Computer wird eventuell eingerichtet, aber darüber hinaus passiert oftmals noch nicht viel. Sie alle müssen aber wissen, wie sie sich in brenzligen Situationen schützen und retten können.
i2fm: Schöne Bürgerbereiche zu schaffen prallt bei manchen Kommunen auf den eigenen Anspruch, bescheiden und sparsam in den Verwaltungsflächen auftreten zu wollen. Und knappe Mittel sind auch ein viel gehörtes Argument.
Andreas Hemsing: Wir alle wissen, dass der Handlungsspielraum nur im Rahmen des Haushalts möglich ist. Aber klar ist, Ausfälle des Personals kosten richtig Geld und Fachkräfte nachzubesetzen wird zunehmend schwieriger. In den Bestandsgebäuden muss jede Kommune für sich prüfen, wie Sicherheit unterstützt werden kann. Eine Trennung zwischen den Front- und Backoffice-Bereichen ist natürlich ideal. Eine sicherere Arbeitsumgebung zu schaffen, ist aber auch in vielen bestehenden Bürogebäuden möglich – ohne dass die Kommune gleich zur Festung wird.
i2fm: Sehr geehrter Herr Hemsing, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Katja Bilski-Neumann, i2fm.

Sie treffen Andreas Hemsing auf dem Kommunaldialog ZUKUNFTSSICHER am 14.11.2019 in Oberhausen.

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Wann & wo?

Der Kommunaldialog 2019

14.11.2019, TZU Oberhausen

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Ansprechpartner

i2fm ansprechpartner bilski neuman
Katja Bilski-Neumann Geschäftsfeldleiterin Kommunikationsplattformen
+49 (0) 208 594 87 19 10
bilski-neumann@i2fm.de
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