s kommunaldialog zukunftssicher 2019 interview sigurd trommer

These: Es wird häufig am Bedarf vorbei gebaut und Bestand vorgehalten!

Sigurd Trommer hat dazu eine andere Meinung und einige Empfehlungen für die kommunalen Verwaltungen. Trommer (74) ist unter vielem anderen Stadtbaurat a.D. der Stadt Bonn und Präsident a.D. der Bundesarchitektenkammer. Er ist heute aktiv in der Bundesstiftung Baukultur. Er sieht die Dinge anders und hat Empfehlungen für gute Entscheidungsvorlagen zwischen Verwaltung und Politik.

i2fm: Herr Trommer, wie stehen Sie zu folgender These: "Es wird einfach zu häufig am Bedarf vorbei gebaut – in Kommunen, aber auch überall sonst"?
Sigurd Trommer: Pauschal würde ich das so nicht stehen lassen. Man muss ja zum Beispiel die steuernde Wirkung der Förderprogramme von Bund und Ländern mitbedenken. Kommunen sind gut beraten, wenn sie sich planvoll an solchen Programmen beteiligen. Gleichzeitig ist der Reiz aus den Förderprogrammen nicht immer zu 100% deckungsgleich mit dem individuellen Bedarf.
Wir reden ja über die dicken Bretter: Bildungsinfrastruktur, soziale Infrastruktur oder auch technische Infrastruktur, auf die sich die Grundlagenprogramme beziehen – also mehrjährige Programme für Kitas, Schulen, Sozialeinrichtungen. Die erfordern einen unglaublichen Arbeitsaufwand, der oft durch das Tagesgeschäft überlagert ist. Und gleichzeitig tut sich Politik schwer mit den großen Bedarfsermittlungen, weil das einfach ungeheuer umfangreiche Dinge sind, und auch noch mit einem Entscheidungshorizont weit über mehrere Wahlperioden hinaus. Hier muss Verwaltung sorgsame Arbeit leisten in der Vorbereitung der Bedarfsermittlung.
i2fm: Was heißt das konkret für die Arbeit der Verwaltung?
Sigurd Trommer: Dass man geschickter und klüger mit der Bedarfsermittlung umgehen muss. Im planerischen Bereich haben wir ja früher immer gespottet, dass es doch eigentlich einfach sei, Schulbedarf zu planen. Man weiß ja immer mindestens 6 Jahre vorher, wie viele Kinder geboren werden und wann der Einschulungstermin ist. Was ich mir wünschen würde und Politik gut gebrauchen könnte, wäre eine Bedarfsermittlung, die nach klaren Regelungen aufgebaut ist. Aber noch wichtiger wäre eine sehr, sehr kluge Kurzfassung in der Darstellung einer Bedarfsermittlung.
Verwaltung braucht da ein gutes Durchhaltevermögen. Wie oft wird von den jeweiligen Oppositionsparteien mehr Umfang gefordert, als ob die schiere Länge eines Dokuments etwas bedeuten würde. Am besten wäre eine doppelte Aufbereitung, einmal Langfassung, einmal Kurzfassung.
i2fm: Was sind die wesentlichen Informationen einer guten Entscheidungsvorlage?
Sigurd Trommer: Eine solche Entscheidungsvorlage muss zwei Fragen beantworten können: Was wird von uns in den nächsten Jahren verlangt?
Was müssen wir tun, um diesen Bedarf zu befriedigen? Und das heißt: Grundstücke, Finanzmittel für die Erstellung und langfristige Zurverfügungstellung von Finanzmitteln für Bauunterhaltung, Modernisierung usw.
Das muss in relativ kurzer knapper Form aufbereitet werden.
i2fm: Und dann kommt der Fluch der ersten Zahl. Entscheidungsvorlagen stehen unter Zeit- und Belastbarkeitsdruck und am Ende des Tages wird man auf eine „zu früh“ genannte Zahl festgenagelt. Was tun?
Sigurd Trommer: Das ist in der Tat ein riesiges Problem. Ich empfehle, nach Grundsatzahlen, also empirischen Zahlen, zu arbeiten, die in der Literatur gut dargestellt sind. Die gibt es für Erstellung, Bauunterhaltung und Modernisierung. Natürlich finden Sie dann Minimal-, Maximal- und Mittelwerte mit teils erheblichen Spreizungen. Da sollte man sich nicht scheuen, eben diese Spreizungen immer auch darzustellen. Sprich: Das ist die mittlere Zahl und die kann noch mit einem gewissen Prozentsatz nach oben oder unten abweichen.
Das muss man Politik deutlich machen! Damit wird auch der häufige Vorwurf hinfällig, es würde unseriös gearbeitet. Dem haben sich schon viele Verwaltungen ausgesetzt gefühlt.
i2fm: Und wie stehen Sie zu These Nr. 2: „Es wird auch am Bedarf vorbei Bestand vorgehalten“?
Sigurd Trommer: Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Mit vielen Dingen aus dem Bestand erhält man sich auch den Spielraum für Zufälle, Ideen und Identifikation. Ideen, die eine Stadt hat, die mit dem Bedarf möglicherweise erst mal nichts zu tun haben, können sich auf einmal für die Stadtentwicklung besonders positiv bemerkbar machen. Stadt ist ein lebender Organismus. Da gibt es auch mal ungeplante Dinge, die sich im positiven Sinne unglaublich auf eine gedeihliche Zukunft auswirken.
Es geht doch auch um die Frage, ob eine Stadt in der Lage ist, eine gute Stimmung zu erzeugen mit Unternehmen und Bürgern. Ich habe das in Bonn erlebt, als Berlin als neue Hauptstadt beschlossen wurde. Da war erst mal eine sehr trübe Stimmung in Bonn. Uns ist es aber gelungen, das alles zu drehen nach dem Motto: Wir packen das. Da hat die Stadt eine ganz große Rolle gespielt.
Die Frage der Identifikation der Bürger mit der Stadt ist für mich eine der entscheidensten Fragen. Insbesondere weil Städte heute nicht mehr den Bürger auf Lebenszeit haben, sondern auf Zeit. Der Bürger heute ist oft vielleicht nur 8 oder 9 Jahre da. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man Identifikation auch von einer Stadt in die Bürgerschaft, in die Stadtgesellschaft hineintragen kann. Das wiederum trägt dann dazu bei, dass eine Stadt sich positiv entwickeln kann.
i2fm: Sehr geehrter Herr Trommer, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Katja Bilski-Neumann, i2fm.

Beim Kommunaldialog ZUKUNFTSSICHER am 14.11.2019 in Oberhausen ist die nächste Gelegenheit, sich über die Frage der guten Entscheidungsvorlage weiter auszutauschen.

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Der Kommunaldialog 2019

14.11.2019, TZU Oberhausen

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